Sell in May and go away: Warum die älteste Börsenweisheit dich täglich Geld kosten kann (und was du stattdessen tun solltest)

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Stell dir vor, du sitzt 1857 in einem Londoner Kaffeehaus an der Threadneedle Street. Vor dir der Times-Aktienteil, daneben dein Tee. Draußen verlassen die Kutschen der reichsten Bankiers der Stadt die City. Sie ziehen aufs Land. Auf ihre Estates. Bis Mitte September, bis zum großen Pferderennen St. Leger Stakes in Doncaster.

Und mit ihnen verschwindet etwas, was an der Londoner Börse plötzlich fehlt: Liquidität.

Kein Wunder, dass aus dieser Zeit ein Spruch entstand, der bis heute durch jedes Anlegerforum geistert: „Sell in May and go away, and come back on St. Leger Day.“ (Heute geläufiger als: “Sell in May and go away, but remember to come back in september”)

Über 150 Jahre später treffen sich Trader nicht mehr im Kaffeehaus, sondern auf YouTube und in Telegram-Kanälen. Aber jeden Frühling, ohne Ausnahme, taucht dieselbe Frage auf:

„Soll ich jetzt verkaufen?“

Lass mich dir heute zeigen, was wirklich hinter dem Spruch steckt. Die Wahrheit ist verblüffend, ein bisschen unbequem und für deinen Vermögensaufbau entscheidend.

Was wirklich hinter dem Spruch steckt

Der vollständige Satz lautet: „Sell in May and go away, and come back on St. Leger Day.“ St. Leger Day ist das traditionelle Pferderennen Mitte September. Bis dahin sollte der Anleger laut Volksmund Cash halten.

Die Logik dahinter war im 19. Jahrhundert tatsächlich rational. Die Londoner Finanzelite verbrachte den Sommer auf Landsitzen. Wer in der City keine Kunden mehr hatte, machte keine Geschäfte. Volumen brach ein. Spreads explodierten. Wer in dieser Zeit verkaufen wollte, bekam schlechte Preise.

Klingt nach längst vergangener Geschichte?

Genau hier wird es spannend.

Im Jahr 2002 veröffentlichten zwei Wissenschaftler, der niederländische Vermögensverwalter Sven Bouman und der Tilburger Finanzprofessor Ben Jacobsen, im American Economic Review das wahrscheinlich meistzitierte Paper zur Saisonalität an den Börsen.

Der Titel war Programm: „The Halloween Indicator, Sell in May and Go Away: Another Puzzle.“

Ihre Untersuchung umfasste 37 Aktienmärkte weltweit, Zeitraum 1970 bis 1998. In 36 von 37 Märkten lag die Durchschnittsrendite von November bis April signifikant höher als von Mai bis Oktober.

Selbst nach Transaktionskosten.

Die Wissenschaftler nannten den Effekt ein „Puzzle“. Denn nach allem, was wir über effiziente Märkte wissen, dürfte es ihn eigentlich gar nicht geben.

Aber er ist da. Und er ist verdammt robust.

Die harten Zahlen: 323 Jahre, 114 Länder, ein Muster

2021 erweiterten Cherry Zhang und Ben Jacobsen die Datenbasis radikal: 62.962 Monatsbeobachtungen über 323 Jahre aus 114 Ländern.

Das Ergebnis:

  • Die Winterrenditen lagen im Schnitt 4,2 Prozentpunkte über den Sommerrenditen
  • In 89 von 114 Ländern war das Muster nachweisbar
  • In 42 Ländern statistisch hochsignifikant
  • Im UK-Markt reicht der Effekt nachweislich bis ins Jahr 1694 zurück

Das ist keine Bauernregel mehr. Das ist eine der robustesten Marktanomalien, die die Finanzwissenschaft kennt.

Schauen wir uns die wichtigsten Märkte an:

DAX (1960 bis 2023):

  • Sommerhalbjahr (Mai bis Oktober): durchschnittlich +0,7 %
  • Winterhalbjahr (November bis April): durchschnittlich +6,0 %
  • Schwächster Monat seit 1959: September mit -1,82 %
  • Trefferquote im Dezember seit 1988: 76 % positiv

S&P 500 (1945 bis 2026):

  • Sommerhalbjahr: rund +2 %
  • Winterhalbjahr: rund +7 %
  • Differenz: 5 Prozentpunkte

Erkennst du das Muster?

Es ist nicht nur ein Muster. Es ist eine der größten dokumentierten Renditeasymmetrien der Marktgeschichte. Über drei Jahrhunderte. Über fast jeden entwickelten Markt.

Doch genau hier beginnt das Problem.

Warum funktioniert das überhaupt? Die wahren Treiber

Lange dachte man, der Effekt sei psychologisch. Die Theorie der „Winter Blues“ (Kamstra, Kramer, Levi 2003) postulierte, dass die kürzeren Tage im Herbst saisonale Depressionen auslösen, die zu erhöhter Risikoaversion führen.

Klingt schön. Stimmt nur nicht.

Spätere Studien (Jacobsen und Marquering 2008) konnten zeigen, dass die SAD-Korrelation auch durch Variablen wie Eiscreme-Konsum oder Flugreisen „erklärt“ werden kann. Korrelation ist eben nicht Kausalität.

Die wirklich interessanten Erklärungen sind struktureller Natur. Und eine davon stammt aus dem Jahr 2024.

J. Schroeder und Peter N. Posch von der TU Dortmund analysierten über 10 Millionen SEC-Filings zwischen 1994 und 2023. Ihr Befund ist atemberaubend:

AktivitätMehraktivität im Winter vs. Sommer
SEC-Filings insgesamt+17 %
Insider-Trading+38 %
Aktivistische Investoren+12 %
Aktionärsversammlungen+96 %
Jahresberichte (10-K)+473 %

84 Prozent aller Jahresberichte werden zwischen November und April veröffentlicht.

Das ist die wahrscheinlich beste strukturelle Erklärung, die wir haben. Mehr Information bedeutet mehr Trading-Anlässe, mehr Volumen, mehr Kursbewegung. Wenn 473 Prozent mehr Jahresberichte erscheinen, entsteht automatisch mehr Marktaktivität.

Dazu kommen vier weitere Treiber:

Liquiditätsabflüsse durch Sommerferien: Institutionelle Trader und Fondsmanager nehmen Urlaub. Volumen sinkt, Marktbreite leidet.

Bonus-Reinvestitionen: In den USA und Europa fließen Boni traditionell im Januar und Februar in Aktienanlagen.

Tax-Loss-Selling: Im Herbst realisieren Investoren steuerlich Verluste. Das verstärkt die September-Schwäche und legt die Basis für die Winter-Rally.

Sektor-Rotation: Der Effekt ist in zyklischen Sektoren (Industrie, IT, Materialien) deutlich stärker als in defensiven Sektoren (Healthcare, Consumer Staples).

Klingt nach einer goldenen Strategie, oder?

Halte dich fest.

Der Haken: Warum mechanisches Verkaufen dich Geld kostet

Hier kommt die Wahrheit, die niemand auf YouTube erzählt:

Die Sell-in-May-Strategie schlägt Buy-and-Hold langfristig nicht.

Ein Backtest für den S&P 500 von 2005 bis 2024 zeigt:

KennzahlSell in MayBuy and Hold
Annualisierte Rendite~8,2 %~8,9 %
Maximum Drawdown-29 %-56 %

Sell in May liefert ein besseres Risikoprofil. Aber die nackte Rendite? Die zahlst du beim aktiven Wechseln drauf.

Drei Gründe, warum mechanisches Sell-in-May nicht funktioniert:

Auch der Sommer liefert Gewinne. Die Mai-Oktober-Periode bringt im Mittel rund 2 Prozent. Wer aussteigt, verzichtet auf diese Rendite.

Transaktionskosten und Steuern. Wer zweimal pro Jahr alles umschichtet, zahlt in Deutschland Abgeltungssteuer plus Solidaritätszuschlag. In den USA killst du den langfristigen Kapitalgewinn-Steuersatz von 0 bis 20 Prozent und ersetzt ihn durch deinen vollen Einkommenssteuersatz.

Verpasste Erholungsrallys. Die größten Tagesgewinne der letzten Jahrzehnte fielen oft in Phasen, in denen ein Sell-in-May-Anleger nicht investiert war. Wer Mai 2020 nach dem Corona-Crash ausstieg, verpasste eine der stärksten Sommer-Rallys aller Zeiten.

Und es kommt noch dicker..

Der Effekt schwächt sich ab

Eine Analyse von Dow Jones Market Data zeigt: Seit 2016 erzielte der S&P 500 in den Mai-Oktober-Perioden im Schnitt 6,9 Prozent. Das ist mehr als die durchschnittlichen 6,2 Prozent in den November-April-Perioden im gleichen Zeitraum.

In 9 von 10 letzten Sommerperioden schloss der Index positiv.

Was ist passiert?

Die Märkte haben sich verändert. Der elektronische Handel arbeitet 24/7. Algorithmen kennen keinen Sommerurlaub. Passive ETFs investieren konstant. Globale Vernetzung verteilt Liquidität gleichmäßiger über das Jahr.

Die alten Londoner Bankiers sind weg. Ihre Saisonalität auch, zumindest teilweise.

Wer also heute den Spruch eins zu eins handelt, fährt ein veraltetes Modell. Genauso gefährlich wie damals jeder, der mechanisch nach einer Bauernregel investiert hat.

Was du wirklich daraus lernen sollst

Hier wird es interessant.

Denn die Tatsache, dass mechanisches Verkaufen nicht funktioniert, heißt nicht, dass du das Phänomen ignorieren sollst. Im Gegenteil.

Saisonalität ist kein Auto-Pilot. Saisonalität ist ein Werkzeug für dein Risikomanagement.

Fünf konkrete Lehren, die du in deine Strategie einbauen kannst:

1. Sektor-Rotation statt Voll-Exit

Statt aus dem Markt zu gehen, gewichte um. Setze auf die Sektoren, welche Trendstark sind und gut laufen. Das gilt übrigens im Sommer wie im Winter.

2. Behalte den Markt ständig im Blick

Mit regelmäßigen Routinen zur Analyse des Marktsentiments erkennt man oftmals schon Tage und Wochen im Voraus, wenn sich eine (ausgedehntere) Korrektur anbahnen könnte. Du musst dann nicht zwangsläufig aussteigen, du musst nur etwas defensiver werden und dein Risiko und Posittionsgrößen reduzieren und Bestandspositionen gegebenenfalls etwas engmaschiger kontrollieren.

3. Den September besonders ernst nehmen

Statistisch ist der September der schwächste Monat des Jahres im DAX und im S&P 500. Wer hier Cash-Quote erhöht oder Stops nachzieht, vermeidet typische Drawdown-Phasen.

4. Hedging gezielt einsetzen

Optioonen, Futures, CFDs und  Inverse-ETFs. Im Sommer sind sie häufig günstig. Im September oft Gold wert. Wer Long-Positionen hält, kann sie gezielt absichern, statt sie zu verkaufen.

5. Wahljahr-Zyklen mitdenken

Mark Hulbert hat gezeigt, dass die Marktvolatilität in Mid-Term-Wahljahren, im Gegensatz zu “normalen” Jahren, besonders stark sein kann. Das bestätigt nochmals Punkt nummer 2 – den Markt ständig im Blick haben und zu wissen, wie man die gesendeten Signale einzuordnen hat.

Der Mindset-Twist: Disziplin schlägt Saison

Jetzt wird es persönlich.

Ich erlebe in der Akademie immer wieder Trader, die jedes Frühjahr aus genau diesem Grund ihre Strategie über den Haufen werfen. Sie haben einen funktionierenden Plan. Sie haben Rendite gemacht. Sie haben Disziplin bewiesen.

Und dann kommt der Mai.

Sie hören irgendwo den alten Spruch. Sie fangen an zu zweifeln. Sie verkaufen. Sie warten. Sie verpassen den Aufwärtstrend. Sie kommen im Oktober zurück. Verteuert.

Sie haben sich von einer Bauernregel ihre Strategie kaputtmachen lassen.

Hier ist die unbequeme Wahrheit: Die beste Strategie an der Börse ist immer die, an die du dich konsequent hältst.

Wer ein durchdachtes System fährt, ein klares Risikomanagement hat und seinen Plan kennt, wird langfristig nicht durch Saisonalität geschlagen. Er wird durch sich selbst geschlagen, wenn er anfängt, an seinem System zu zweifeln.

✅ Was du beieinflussen kannst:

  • Deine Positionsgröße
  • Deine Risikoparameter
  • Dein Regelwerk
  • Deinen Gemütszustand

❌ Was du nicht beeinflussen kannst:

  • Die Sommerrendite des S&P 500
  • Was die Fed im Juli entscheidet
  • Wie viele Investoren in Cannes Urlaub machen
  • Ob dieses Jahr im Sommer der Markt steigt oder fällt

Demut vor dem Markt heißt: Du nutzt Saisonalität als Filter, nicht als Trigger.

Du baust sie in dein Risikomanagement ein. Du erhöhst Cash-Quoten. Du verschiebst Allokationen. Du nutzt die volatilen Phasen beispielsweise für Optionsstrategien.

Aber du wirfst nie deinen Plan über den Haufen, nur weil das Kalenderblatt sich umblättert.

Der Klartext

Die Börse belohnt drei Dinge: Disziplin, Demut und Differenzierung.

Disziplin, weil du an deinem System festhältst, auch wenn die Frühlingsluft alle anderen nervös macht.

Demut, weil du erkennst, dass du den Markt nicht steuerst, sondern nur deine Reaktion auf ihn.

Differenzierung, weil du verstehst, dass eine 323 Jahre alte Anomalie nicht in jeder Marktphase gleich wirkt. 2026 ist nicht 1857. Algorithmen sind nicht Bankiers. Globale ETF-Flows sind nicht Threadneedle Street.

Die Börsenweisheit hat Wahrheit in sich. Aber sie ist kein Befehl. Sie ist ein Hinweis.

Wer den Hinweis intelligent integriert, baut sich einen messbaren Vorteil auf.

Wer ihn mechanisch befolgt, verbrennt Rendite und Lebenszeit am Strand, während andere im Sommer ihre Optionsprämien einsammeln.

„The big money is not in the buying and the selling, but in the waiting.“ Charlie Munger

Genau diese Geduld, gepaart mit einem klaren System, ist der Unterschied zwischen denen, die jeden Mai panisch verkaufen, und denen, die jeden Mai ruhig ihren Plan abarbeiten.

Der nächste Schritt

In der Jens Rabe Academy bauen wir genau diese Systeme auf. Strategien, die in jedem Marktumfeld funktionieren. Mit klaren Regeln, sauberem Risikomanagement und einer Mindset-Komponente, die dich davor schützt, dich selbst zu sabotieren.

Wenn du wissen willst, wie du Saisonalität intelligent für dein Depot nutzt, statt ihr ausgeliefert zu sein, dann buch dir jetzt ein kostenloses Strategiegespräch mit unserem Team.

Denn die Wahrheit ist: Der Mai ist nicht dein Feind. Dein Plan ohne Disziplin ist es.

Und die Börse belohnt am Ende immer die Strategen. Nicht die Saisonkalender-Leser.

Über den Autor:

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Jens Rabe

Jens Rabe ist Gründer und Geschäftsführer der Rabe Unternehmensgruppe. Gemeinsam mit seinem Team hilft er Unternehmern, Selbstständigen und leitenden Angestellten zu einem regelmäßigen Einkommen an der Börse.
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Jens Rabe ist Gründer und Geschäftsführer der Rabe Unternehmensgruppe. Gemeinsam mit seinem Team hilft er Unternehmern, Selbstständigen und leitenden Angestellten zu einem regelmäßigen Einkommen an der Börse.
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