Value oder Growth: Warum das ewige Duell dich Rendite kostet (und was wirklich zählt)

Inhaltsverzeichnis:

Stell dir zwei Anleger vor.

Der eine kauft nur günstige Substanzwerte. Niedriges Kurs-Gewinn-Verhältnis, solide Dividende, ein Geschäftsmodell, das seit Jahrzehnten läuft. Langweilig, aber verlässlich.

Der andere jagt die großen Wachstumsnamen. Teuer, schnell, jeden Tag in den Schlagzeilen.

Beide sind überzeugt, die einzig richtige Strategie zu fahren. Beide halten den anderen für einen Narren.

Und beide stellen die falsche Frage.

Denn Value oder Growth ist kein Glaubenskrieg, den ein Lager für immer gewinnt. Es ist ein Zyklus. Mal führt die eine Seite, mal die andere. Wer das nicht versteht, kämpft gegen den Markt statt mit ihm.

Bild: Ratio zwischen SVX (S&P500 Value Index) & SGX (S&P500 Growth Index), Monatschart (Quelle: Tradingview.com)

Schau dir einmal das Verhältnis von S&P 500 Value zu S&P 500 Growth an. Seit den Neunzigern zeigt der Trend fast nur in eine Richtung: nach unten. 2026 steht dieses Verhältnis so tief wie seit über dreißig Jahren nicht mehr. Growth hat Value über eine ganze Anlegergeneration deklassiert.

Heißt das, Value ist tot? Oder entsteht hier gerade die größte Chance seit Langem?

Lass uns das sauber auseinandernehmen.

Value oder Growth: Was hinter dem ewigen Duell steckt

Fangen wir mit den Definitionen an. Kurz und schmerzlos.

Value-Aktien sind Substanzwerte. Unternehmen, die im Verhältnis zu ihren zu grunde liegenden Geschäftszahlen günstig gehandelt werden. Du erkennst sie an einem niedrigen Kurs-Gewinn-Verhältnis, einem niedrigen Kurs-Buchwert-Verhältnis und oft einer ordentlichen Dividende. Es sind reife Firmen aus reifen Branchen. Banken wie JPMorgan (JPM), Energiekonzerne wie ExxonMobil (XOM), Konsumriesen wie Coca-Cola (KO). Sie wachsen langsam, aber sie verdienen heute schon echtes Geld.

Growth-Aktien sind das Gegenteil. Der Markt traut ihnen überdurchschnittliches Wachstum bei Umsatz und Gewinn zu. Dafür zahlen Anleger hohe Bewertungen. Dividende? Fehlanzeige. Jeder Cent fließt zurück ins Wachstum. Denk an Nvidia (NVDA), Amazon (AMZN) oder Tesla (TSLA). Der Fokus liegt nicht auf dem Gewinn von heute, sondern auf dem Wachstum von morgen.

Klingt nach zwei Welten, die nichts verbindet. Falsch.

Warren Buffett hat es auf den Punkt gebracht. Die Einteilung in Value und Growth ist eine Erfindung der Finanzindustrie. Denn am Ende dreht sich jede rationale Investition um dieselbe Gleichung. Wie viel Cash steckst du heute rein, um in Zukunft mehr Cash zurückzubekommen?

Der einzige Unterschied liegt im Timing dieser Cashflows.

Der Value-Investor setzt auf die verlässlichen Zahlungen der Gegenwart. Der Growth-Investor setzt auf die viel größeren Zahlungen der ferneren Zukunft. Das Wachstum ist also kein Gegenpol zum Wert. Es ist ein Teil der Wert-Gleichung. Ohne erwartetes Wachstum gibt es keinen fairen Preis.

Merk dir das. Es ist der Schlüssel für alles, was jetzt kommt.

Warum die Zinsen über Value und Growth entscheiden

Jetzt wird es praktisch. Denn es gibt einen Hebel, der den ganzen Zyklus steuert. Der Zins.

Der Grund heißt Duration. Growth-Aktien sind sogenannte Long-Duration-Werte. Ihr Wert steckt in Cashflows, die weit in der Zukunft liegen. Steigt der Zins, steigt auch der Satz, mit dem diese Zukunft abgezinst wird. Und je höher dieser Satz, desto weniger ist die ferne Zukunft heute wert.

Das trifft Growth mit voller Wucht.

Genau das hast du 2022 gesehen. Die Notenbanken drehten an der Zinsschraube, und der technologielastige Nasdaq 100 brach um rund ein Drittel ein. Kein Zufall. Reine Mathematik.

Value-Aktien sind dagegen Short-Duration-Werte. Ein großer Teil ihres Werts steckt in Gewinnen und Substanz von heute. Steigende Zinsen treffen sie deutlich weniger. Manche Value-Branchen profitieren sogar. Banken verdienen an höheren Zinsmargen, Energie- und Rohstoffwerte an der Inflation.

Deshalb feierte Value ab Ende 2020 sein Comeback, während spekulative Wachstumswerte ohne Gewinne teils achtzig oder neunzig Prozent verloren. Dasselbe Muster gab es beim Platzen der Dotcom-Blase im Jahr 2000. Wenn die teuren Zukunftsträume zerplatzen, wird die langweilige Substanz plötzlich zum sicheren Hafen.

Aber Vorsicht. Der Wechsel zwischen den Stilen kommt brutal schnell.

Nach der Finanzkrise holte Value rund vierzig Prozent seiner monatelangen Schwächephase in nur drei Wochen wieder auf. Drei Wochen. Wer erst reagiert, wenn die Rotation in den Nachrichten steht, ist zu spät.

Und jetzt kommt der spannende Teil. Erinnerst du dich an den Chart vom Anfang? Value notiert gegenüber Growth so tief wie seit über dreißig Jahren nicht. Historisch waren genau solche Extreme oft der Punkt, an dem die Masse ein Lager abgeschrieben hat. Und an dem die nächste Rotation ihren Anfang nahm.

Die teuren Denkfehler im Duell Value gegen Growth

Warum verlieren so viele Anleger in diesem Spiel Geld? Nicht wegen der Charts. Wegen ihres Kopfes.

Der häufigste Fehler heißt Performance Chasing. Anleger jagen der Rendite hinterher, die schon gelaufen ist. Das Kapital fließt erst dann in die heißen Wachstumsfonds, wenn die große Bewegung fast vorbei ist. Profis nennen dieses Geld Hot Money.

Ein Beispiel, das wehtut. Ein bekannter Innovationsfonds zeigte im Pandemie-Boom eine offizielle Jahresrendite von plus siebenundsiebzig Prozent. Beeindruckend. Nur: Die reale Rendite der Anleger im selben Zeitraum lag bei knapp minus drei Prozent. Wie kann das sein? Weil das große Geld erst am Gipfel eingestiegen ist. Die glänzende Fondsrendite hat kaum ein echter Anleger mitgenommen.

Der zweite Denkfehler ist unsichtbar. Er sitzt in der Struktur der Indizes selbst.

Die großen Indexanbieter entscheiden per Regelwerk, welche Aktie als Value und welche als Growth gilt. Und diese Regeln ändern sich. 2018 verschob eine Reform der Branchenklassifizierung Konzerne wie Alphabet (GOOGL), Meta (META), Netflix (NFLX) und Disney (DIS) in einen neuen Sektor. Ein ehemals klassischer Value-Bereich, die Telekommunikation, wurde über Nacht zum Wachstumssegment. Obwohl sich an den Unternehmen selbst nichts geändert hat. Aus Growth-Investoren wurden per Federstrich Value-Anleger.

Wenn du also blind einem Value- oder Growth-Index folgst, weißt du oft gar nicht genau, was du da kaufst.

Der dritte Fehler ist der gefährlichste, weil er sich nach harten Daten anfühlt. Viele Faktor- und Smart-Beta-Strategien sehen auf dem Papier großartig aus. Aber ihre Rückrechnungen decken oft nur wenige Jahre ab. Fließt viel Geld in eine solche Strategie, treibt das die Kurse und bläht die historische Rendite künstlich auf. Das sieht aus wie ein struktureller Vorsprung. In Wahrheit ist es geliehene Performance. Kehren die Bewertungen zum Mittelwert zurück, folgt der Absturz.

Value und Growth clever kombinieren statt dich zu entscheiden

Was folgt aus all dem? Eine ziemlich unbequeme Wahrheit. Die Frage Value oder Growth ist die falsche Frage.

Schau dir an, wie Unternehmen sich über die Zeit verändern. Microsoft (MSFT) und Apple (AAPL) waren einmal reine Wachstumswerte. Heute zahlen sie Dividenden und kauften (bis vor kurzem) eigene Aktien im großen Umfang zurück. Aus Growth ist Value geworden, ganz von selbst. Ein Unternehmen wandert im Laufe seines Lebens von der einen Kategorie in die andere. Wer sich dogmatisch auf ein Lager festlegt, verpasst diese Reise.

Für die Depotstruktur bewährt sich für viele Anleger ein Kern-Satelliten-Modell. Der Kern wird mit marktbreiten, überregionalen ETFs gebildet und ist stilneutral. Er läuft einfach mit, egal welches Lager gerade führt. Weil Unternehmen ohnehin von Growth zu Value wandern, bist du automatisch auf beiden Seiten dabei. Ohne ständiges Umschichten, ohne unnötige Steuern.

Um diesen Kern legst du gezielte Satelliten. Und hier liest du das Zinsumfeld.

Fallen die Zinsen und hast du einen langen Atem? Dann darf ein Growth-Satellit dazu. Steigen die Zinsen, zieht die Inflation an oder wird es unsicher? Dann stärkst du die Value-Seite als Stabilitätsanker mit laufenden Dividenden. Signale aus dem Markt, wie beispielsweise der sogenannte Angstindex VIX,  helfen dir dabei zusätzlich.

Und über allem steht eine einfache Regel, die jeder erfahrene Händler kennt. Dein Geld verdienst du mit steigenden Kursen, nicht mit der schönsten Fundamentalanalyse. Erst wenn der Chart dreht und dir ein klares Signal liefert, steigst du ein. In festen Tranchen, mit klarem Plan und striktem Risikomanagement.

Wichtig: Du bist mit keiner Aktie dieser Welt verheiratet. Steigt ein Wert verlässlich und erwirtschaftet zuverlässig Rendite, ist alles gut. Performt der Wert schlecht oder der Trend kippt, wird verkauft. Das ist Trading in Reinform und kann auf unterschiedlichen Zeitebenen angewendet werden.

Am Ende entscheidet weder Value noch Growth allein. Es entscheidet ein starkes Geschäftsmodell mit stabilem Burggraben, das du zu einem vernünftigen Preis bekommst. Genau das meinte Buffett.

Fazit

Value oder Growth ist die falsche Frage. Beide sind zwei Seiten derselben Cashflow-Gleichung, getrennt nur durch das Timing der Zahlungen. Wer sich in ein Lager verbeißt, kämpft gegen den Zyklus und verliert früher oder später Geld. Wer das Zinsumfeld liest und regelmäßig nach starken Werten screent, die eigenen Denkfehler kennt und beide Welten kombiniert, bleibt in jeder Marktlage handlungsfähig. Der tiefe Stand von Value gegenüber Growth ist kein Grund zur Trauer. Für den, der vorbereitet ist, ist er eine Einladung.

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Jens Rabe

Jens Rabe ist Gründer und Geschäftsführer der Rabe Unternehmensgruppe. Gemeinsam mit seinem Team hilft er Unternehmern, Selbstständigen und leitenden Angestellten zu einem regelmäßigen Einkommen an der Börse.
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